Endlich fand der Branchentreff der Pflegewirtschaft wieder live und an gewohnter Stelle in Berlin statt. Beim Kongress standen Themen wie Pflegepolitik, Personalmangel und Digitalisierung im Mittelpunkt. In der Fachausstellung wurde von den über 300 Besuchern fleißig genetzwerkt.

(Hannover/VN) Der Zeitpunkt hätte kaum besser geplant sein können: Pünktlich zur ersten Sitzung des neuen Bundestags und dem Auftakt der Koalitionsgespräche traf sich die Pflegewirtschaft zur Altenheim EXPO in Berlin. Kein Wunder, dass viele hochkarätige Branchenvertreterinnen und -vertreter die Chance nutzten, der Poli­tik ihre Forderung nach einer grundlegenden Reform ins Stammbuch zu schreiben, statt weiter mit kleinen Maß­nahmen an den Rahmenbedingungen zu schrauben. Der Auftritt der Pflege zeugte von einem gestärkten Selbst­bewusstsein, das sich die Branche hart erarbeitet hat. Der Branchentreff bot nach monatelanger Pause eine erste Gelegenheit zum Zusammentreffen mit Kolleginnen und Kollegen aus ganz Europa. Auch wenn aufgrund von Abstands- und Hygieneregeln der Verkauf von Tickets diesmal begrenzt werden musste: Der Kongress und die Fachausstellung waren mit über 300 Teilnehmenden sowie knapp 40 Fachausstellern bestens besucht.

Den Auftakt auf der Kongress-Bühne im Berliner Hotel Estrel bildete am 25. Oktober eine pflegepolitische Podiumsdiskussion. Bernhard Schneider, Hauptgeschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung, machte dabei keinen Hehl daraus, dass die im Sondierungspapier der Ampel-Koalitionäre formulierten Pflege-Themen ihn bisher „maßlos enttäuscht“ hätten. Seine Sorge: Die Pflegepolitik könnte aufgrund der klimapolitischen Akzentsetzungen in den Hintergrund treten. „Versucht es mit einer KAP 2.0“, riet er den Politikern im Hinblick auf die bereits diskutierten Ansätze. Die Ideen für eine grundlegende Reform seien vorhanden, beste Voraussetzungen für die neue Regierung „mit der Branche zusammen die große Re­form zu erarbeiten“.

Ursula Brüggemann, CEO von Doreafamilie, be­zeichnete es vor dem Hintergrund sogar als drama­tisch, wie momentan mit Unternehmen der Pflege umgegangen werde. Den Betreibern fehlten die „Freiräume, um zu investieren“. Sie forderte, dass die Politik bei Reformen grundsätzlicher agieren und das Thema systemisch betrachten müsse, um zu tragfähigen Lösungen zu kommen.

Aus der Sicht der Pflege-Betroffenen kritisierte Manfred Stegger, Vorstand des BIVA-Pflegeschutz­bundes, dass sich die Bundesländer in der Vergangenheit mehr und mehr aus der Finanzierung der Investitionskosten von Pflegeeinrichtungen zurück­gezogen hätten. Die Folge: Bewohnerinnen und Bewohner hätten jetzt den Anstieg der Investitionskosten zu schultern. Der Rückzug der Länder aus Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung der Pflege-Infrastruktur bezeichnete Stegger als nicht hinnehmbar: „Hier muss die künftige Bundesregierung ihr Möglichstes unternehmen, die Länder wieder in die Pflicht zu nehmen.“

Modelle für die Pfle­geimmobilie im Jahr 2050

In den Fachvorträgen standen die Themen Fachkräftemangel, Digitalisierung und die Perspektiven für die Entwicklung neuer Wohnformen für das Alter im Mittelpunkt. Jan-Hendrik Jessen, Vorsitzender des Ausschuss Gesundheitsimmobilien im Zentralen Immobilienausschuss ZIA, gab Einblicke in den Zukunftworkshop seines Verbandes. Darin hatten Branchenexperten Modelle für die Pfle­geimmobilie im Jahr 2050 entwickelt und die Wei­terentwicklung des Wohnens im Quartier als Kon­zept der Zukunft identifiziert. Voraussetzung sei aber – neben der Verbesserung von Finanzie­rungsmöglichkeiten und regulatorischen Rahmen­bedingungen – „ein positives Altersbild, bei dem vorhandene und zu aktivierende Fähigkeiten im Vor­dergrund stehen“.

Auf den erheblichen Nachholbedarf bei der Schaffung altersgerechten Wohnraums wiesen auch Vertreter der Projektentwickler Carestone und Cureus hin. Anhand eines Fallbeispiels stellte Carestone-CEO Karl Reinitzhuber dar, wie auch Bestandsimmobilien fit für die Zukunft ge­macht werden können. Bei der Sanierung des Traditi­onshauses St. Elisabeth in Alfeld sei es bei laufendem Pflegebetrieb gelungen, mit Hilfe eines Ersatzneu­baus die Kapazität von 90 auf 120 Plätze plus 36 be­treute Wohnungen zu erweitern. Cureus-Geschäftsführer Gerald Klinck rückte in seinem Beitrag die Vorteile eines „systemischen An­satzes“ in den Mittelpunkt. „Durch eine Standardi­sierung aller Prozesse von der Grundstücksakquise bis hin zur Schlüsselübergabe und das Management der Immobilie, lassen sich Qualität und Schnellig­keit beim Bau weiter steigern“, ist Klinck überzeugt.

Den Beleg dafür, dass in Modulbauweise erstellte Einrichtungen attraktiv sein können, lieferte der dä­nische Architekt Holger Dahl. Auch in Dänemark müsse man sich angesichts der gestiegenen Kosten im Gesundheitswesen mit neuen Formen des Bau­ens auseinandersetzen. Eine mögliche Lösung be­stehe darin, Bewohnerzimmer für stationäre Pflege­einrichtungen mit vorgefertigten Modulelementen kostengünstig vorzuproduzieren. „Aktuelle Baupro­jekte zeigen“, so Dahl, „dass wir das dadurch ge­sparte Geld, in eine höherwertige Innenausstattung der Gemeinschaftsräume investieren können.“ So werde für eine hohe Aufenthaltsqualtität für Bewoh­ner, Mitarbeitende und Besucher gesorgt.

„500.000 Fachkräfte fehlen bis 2030“

Doch die Zukunft der Pflege hängt bekanntlich nicht allein von der Qualität der Einrichtungen ab. Viel wichtiger wird es sein, qualifizierte Fachkräfte zu fin­den. „Rund 500.000 Fachkräfte werden uns bis 2030 fehlen“, prognostizierte Elisabeth Scharfenberg. Die Vorständin der Korian Stiftung für Pflege und wür­devolles Altern entwarf in ihrem Beitrag ein „Pflege-Utopia“, in dem Bedürfnisse und Fähigkeiten der Pflegekräfte eine zentrale Rolle spielen. Um dieses Ziel zu erreichen, sei es jedoch neben einer kontinu­ierlichen Förderung der Digitalkompetenz wichtig, die Pflegenden „in die Überlegungen zur Entwick­lung der Pflege von Morgen konsequent einzubin­den“, so Scharfenberg.

Eine internationale Perspektive auf die Her­ausforderungen des Fachkräftemangels lieferte Thomas Eisenreich, Vice President of Business De­velopment des Pflegedienstleisters Home Instead. Er erläuterte die Erkennsisse des Global Workforce Report der Glo­bal Coalition on Aging. Dabei wurde klar: Deutschland steht mit den Herausforderungen des Fachkräftemangels nicht allein da. Deshalb sei auch das Akquirieren internationaler Fachkräfte für den deutschen Markt keine langfristige Lösung. „Inter­essant ist, dass international vergleichbare demo­grafische Entwicklungen zu beobachten sind und die Handlungsoptionen für die einzelnen Staaten hohe Schnittmengen aufweisen“, so Eisenreich. „Verbun­den ist damit nicht nur ein quantitativer Bedarfsan­stieg, sondern auch ein qualitativer.“
(Foto: Daniel George)

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