Die Digitalisierung in der Pflege, der demografische Wandel, ein enormer Fachkräftemangel – die Themen der 32. Fachmesse ALTENPFLEGE in Essen sind ebenso herausfordernd wie gesellschaftlich relevant. Und sie zeigen, wie intelligente Software und smarte Assistenzsysteme dazu beitragen, einem Teil der Probleme zu begegnen.

(Hannover/Essen) Die Digitalisierung ist die einzige Möglichkeit, die Komplexität und die künftigen Anforderungen im Gesundheitswesen zu bewältigen. Ob auf Seiten der Fachkräfte in stationären Pflegeeinrichtungen oder ambulanten Diensten, in der häuslichen Pflege oder einfach für mehr Selbstständigkeit im Alter: „Die Digitalisierung zieht sich durch alle Bereiche der Pflege und damit auch durch das gesamte Programm der Leitmesse für die Pflegebranche“, sagt Messeleiter Matthias Janz von Vincentz Network (Hannover), dem Veranstalter der Messe. So hilft der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Pflegesoftware, den Verwaltungsaufwand deutlich zu reduzieren, etwa bei der Erfassung von Vitaldaten und bei der Pflegedokumentation. Darüber hinaus fördern digitale Assistenzsysteme auch die Selbstständigkeit zu Hause. Zu entdecken sind diese und viele weitere Innovationen vom 26. bis 28. April bei den rund 450 Austellern der ALTENPFLEGE. Darunter sind auch mehr als 50 Start-ups, nachfolgend einige Beispiele.

Digitale Assistenzen unterstützen die Pflege
Eine Reise nach Rom, Opernbesuche, ein Waldspaziergang, aber auch Yoga und Atemübungen: Wenn für Menschen auf Grund ihrer physischen oder psychischen Verfassung viele Erlebnisse in der realen Welt nicht mehr möglich sind, kommt die virtuelle Realität (VR) ins Spiel. Eine spezielle Brille („Granny Vision“, München) nimmt pflegebedürftige Menschen mit auf Reisen in die virtuelle Welt. Auch private Bilder und Videos können in die VR-Brille eingespielt werden. Sie sorgt damit nicht nur für eine zusätzliche emotionale und kognitive Aktivierung der Menschen in Pflegeheimen und in der häuslichen Pflege, sondern entlastet auch die Pflegenden.

Mehr Teilhabe durch digitale Systeme – das verspricht auch der Hersteller von „Enna“, Enna Care (München). Die neuartige Dockingstation verfügt über ein Bedienfeld, auf das so genannte Cards in Checkkartengröße aufgelegt werden können. Jede Karte steht für einen Befehl und ersetzt die oft komplizierte Bedienung von Menüs auf dem Touchdisplay. Ob Videoanruf, Wetterbericht, Fotoalbum, Podcast oder Youtube-Videos: Nahezu alle digitalen Angebote können auf den Cards abgebildet werden. Auch Angehörige können per App neue Cards erstellen und senden. Weiterer Vorteil: Als zentrales vernetztes Gerät im Haushalt kann „Enna“ als Bedienelement für weitere digitale Assistenzsysteme, etwa den Hausnotruf, fungieren und damit die Selbstständigkeit in den eigenen vier Wänden fördern.

Ältere Menschen und Pflegebedürftige haben oftmals eingeschränkte Sehfähigkeiten. Damit auch sie die digitalen Inhalte nutzen können, gibt es eine Software, die Medienangebote barrierefreier macht. Mit dem Programm „Eye-Able“ des gleichnamigen Herstellers aus Margetshöchheim (Bayern) können sie digitale Inhalte an ihre Bedürfnisse anpassen, sich etwa die Website vorlesen lassen, sie grafisch individualisieren (Kontrast, Größe, Farbfilter) oder ohne Maus, nur mit der Tastatur bedienen.

In der stationären Altenpflege kommt Sprachassistent „Dexter“ zum Einsatz. Über den intelligenten Lautsprecher können Bewohner:innen per Sprache nach Hilfe rufen oder einen Wunsch aufgeben. Dadurch haben Bewohner:innen mehr Sicherheit und Pflegekräfte mehr Transparenz, ob es sich um einen Notfall handelt, oder um einen Wunsch, etwa das Fenster zu öffnen. Zudem erinnert „Dexter“, laut Hersteller Dexter Health (Essen), die Bewohner an Termine und unterstützt die Pflegekräfte per sprachgesteuerter, automatisierter Dokumentation oder übersetzt Fremdsprachen. Beim Anbieter „Voize“ übernimmt die Künstliche Intelligenz sogar gleich ganz die Pflegedokumentation: Pflegekräfte können die Angaben direkt während der Pflege ins Smartphone sprechen. Das Programm des Potsdamer Start-ups versteht den Kontext und generiert strukturierte Dokumentationseinträge.

Wer bei der Vielzahl der Anwendungen den Überblick verliert: Das digitale Assistenzsystem „RafiCare“ vernetzt herstellerunabhängig verschiedene digitale Systeme und kann in Altenheimen oder im betreuten Wohnen ebenso eingesetzt werden wie zu Hause, wo es mit Sensoren etwa zur Sturzerkennung oder Vitalwertemessung wertvolle Dienste leistet. Auch hier kann eine Integration in intelligente Raum- und Gebäudesteuerungssysteme erfolgen, verspricht das Start-up „Buildtelligent“ aus Wien.

Innovative Technik für moderne Arbeitsplätze
Mark Steinbach, Geschäftsführer opta data (Essen), einem der führenden deutschen Softwarehersteller, fasst die Trends zusammen: „Konzepte, die die Versorgungssituation verbessern, Kunden binden und deren Zufriedenheit steigern, sind gefragt wie noch nie. Wir möchten die Pflegebranche motivieren, ihren Arbeitsalltag selbst zu gestalten. Neue Arbeitszeitmodelle und Quartierskonzepte sind hier nur einige Stichworte. Digitale Lösungen, die den Verwaltungsaufwand im Pflegealltag reduzieren, schaffen wichtige Freiräume, die durch die Corona bedingten Belastungen immer wichtiger werden.“

Und sie leisten damit auch einen immer größeren Beitrag gegen den Fachkräftemangel: Spracheingaben, smarte Assistenzsysteme oder Vitalwerte, die mobil auf Tablets eingetragen werden, reduzieren Verwaltungsaufgaben und Zettelwirtschaft. So bleibt mehr Zeit für die Pflege. Innovative Technik für moderne Arbeitsplätze ohne überbordende Bürokratie – damit können sich auch junge Menschen identifizieren. Wie diese Wohn- und Arbeitsumgebungen von morgen schon heute aussehen können, das zeigt die Fachmesse ALTENPFLEGE 2022 in Essen. (www.altenpflege-messe.de)

(Foto: Messe Essen)