Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) hat seine pflegepolitischen Ziele für die nächsten zehn Jahre abgesteckt. CAREkonkret sprach mit Präsidentin Christel Bienstein über langfristige Pläne und kurzfristige Krisenbewältigung.

Interview: Steve Schrader

Frau Bienstein, Pflegekräfte werden für ihren Einsatz in der Corona-Krise beklatscht, gleichzeitig erleben wir eine teils unsägliche Debatte über die Finanzierung des 1 500-Euro-Bonus. Was sagt das über den Stellenwert der Pflege in Deutschland aus?

Das zeigt uns, dass vieles doch nur ein Lippenbekenntnis ist. Wenn langsam wieder Normalität zurückkehrt, ist das schnell vergessen. Dankbarkeit hat in Politik und Gesellschaft eine kurze Halbwertszeit. Dann rutscht auch die Berufsgruppe wieder auf ihren hinteren Platz in der Prioritätenliste der Politik.

Der DBfK hat jetzt ein Aktionsprogramm 2030 vorgestellt, das eine deutliche Aufwertung der Profession Pflege vorsieht. Was sind die Eckpfeiler Ihres Programms?

Der rote Faden durch die gesamte Geschichte unseres Verbandes ist die Professionalisierung der Pflege. Das bedeutet bessere Ausbildung, bessere Rahmenbedingungen pflegerischer Arbeit, höhere Anerkennung der Leistungen und Kompetenzen der Pflegenden und damit insgesamt eine bessere pflegerische Versorgung für die Menschen in Deutschland. Unsere Aktionsprogramme haben eine lange Tradition und sind jeweils auf zehn Jahre, also langfristig angelegt.

Ein Personalmix mit mindestens 30 Prozent Akademikern, ein bundesweit einheitliches Ausbildungskonzept und Pflegekammern in jedem Land: Teile Ihres Aktionsprogramms klingen angesichts der derzeitigen Situation eher wie ein hehrer Wunsch. Droht der DBfK, an seinen eigenen Ansprüchen zu scheitern?

Wie gesagt, wir denken in Zehn-Jahres-Zeiträumen. Da dürfen Ziele ruhig ehrgeizig sein, denn nur dann bewegt sich auch etwas. Die Vergangenheit hat uns gezeigt, dass wir uns für unsere Ziele hartnäckig einsetzen müssen und sie dann oft auch erreichen. Wir sehen die derzeitige Krise eher als Chance, endlich etwas Grundlegendes zu erreichen – denn weiterwursteln wie bisher geht nicht mehr.

Dann lassen Sie uns über einige Punkte sprechen. Den Pflegekammern in Deutschland stößt immer mehr Skepsis entgegen. Der Aufbau in vielen Ländern stockt. Und da, wo bereits eine Kammer existiert, gibt es mitunter heftigen Gegenwind, insbesondere in Niedersachsen. Wie bewerten Sie die Situation – und was macht Sie zuversichtlich, dass sich daran bis 2030 etwas bessert?

Ich denke, der Umgang mit den in den Pflegeberufekammern Aktiven ist unfair. In Niedersachsen und auch in Schleswig-Holstein haben die Landesparlamente die Kammern per Gesetz begründet. Und dann sollten sie mal eben die Kammern aufbauen. Dann wechselten die Regierungen und der politische Rückhalt blieb aus bzw. drehte sich gegen die Kammern. Ich bin davon überzeugt, dass die Kammergegner weder inhaltlich und schon gar nicht vom Stil her die Mehrheit der Pflegefachpersonen repräsentieren. Einige lassen sich auch vor den Wagen Dritter spannen, die ganz andere Interessen im Auge haben als das Wohl der Pflegenden. Die Landesregierungen in Baden-Württemberg und NRW haben sich nicht beirren lassen und sind auf Kurs für die nächsten beiden Pflegeberufekammern. Daher bin ich insgesamt zuversichtlich für mehr Pflegeberufekammern in Deutschland.

Um eine evidenzbasierte Pflege zu garantieren, sollen mindestens 30 Prozent der Pflegefachpersonen über einen akademischen Abschluss verfügen. Ist das nicht angesichts der aktuellen Zahlen utopisch?

Derzeit sind alle – auch die rein quantitativen – Zahlen utopisch. Wo sollen die Hunderttausende Pflegenden denn herkommen? Wir müssen uns doch darüber im Klaren sein, dass es so nicht weitergeht. Damit meine ich aber nicht, Qualifikations- und damit Qualitätsstandards zu reduzieren, sondern wir müssen in die Pflege bzw. die Pflegenden investieren – qualitativ und quantitativ. Die Anforderungen an Pflegende sind enorm gewachsen. Wenns wirklich mehr als ‚satt und sauber‘ sein soll, brauchen wir einen Skill- und Grademix, der dem Rechnung trägt. Dazu gehören eindeutig auch hochschulisch ausgebildete Pflegefachpersonen. 30 Prozent ist eine Durchschnittszahl, das wird je nach Versorgungsbereich variieren.

Welche Aufgaben kommen diesen akademisierten Kräften in der stationären und ambulanten Altenhilfe dann Ihrer Meinung nach zu?

Sie werden als Teil des Teams in der direkten Versorgung der Menschen mit Pflegebedarf hochkomplexe Versorgung planen, umsetzen und evaluieren. Sie werden dafür sorgen, dass Pflege evidenzbasiert ist und dass alle im Team daran teilhaben können. Wir wissen aus internationalen Studien: je höher der Anteil an hochschulisch qualifizierten Pflegenden, desto höher die Pflegequalität. Und die hochschulische Ausbildung eröffnet auch weitere Studienmöglichkeiten, z. B. Masterstudiengänge mit klinischem Fokus auf bestimmte Gruppen Pflegebedürftiger. Das sind dann Advanced Practice Nurses, die auch bisher Ärzten vorbehaltene Aufgaben übernehmen.

Ausdruck des Selbstverständnisses der Pflege ist es auch, dass eine selbstständige oder unternehmerische Berufsausübung möglich ist, heißt es in Ihrem Programm. Was bedeutet das konkret? Dass Pflegefachkräfte eigenständig Leistungen verordnen und dies auch abrechnen können – als selbstständiger Unternehmer?

Das gehört auf jeden Fall dazu. Sie können das als selbstständig arbeitende Spezialistin und/oder als Teil eines Unternehmens, das im Idealfall einer Pflegefachperson gehört. 

Kein Interview zur Zukunft der Pflege ohne das Thema Gehalt: Sie selbst werden in Ihrem Programm in diesem Punkt nicht konkret, fordern eine „leistungs- und verantwortungsgerechte Entlohnung“. Wie hoch sollte diese Ihrer Meinung nach mindestens sein?

Der DBfK hat vor Kurzem – da war das Aktionsprogramm schon fertig – diese Forderung konkretisiert. Unsere Vorstellung ist, dass es für eine Vollzeitstelle ein Einstiegsgrundgehalt in Höhe von 4 000 Euro geben soll.

Momentan wird für die Altenpflege über einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag verhandelt. Welche Hoffnung stecken Sie in dieses Thema?

Ich bin da optimistisch. Es wird zwar noch etwas dauern, weil schon die Verfassungsklage angekündigt wurde. Aber letzten Endes wird der Mangel da einiges beschleunigen. 

Sie fordern auch einen Sitz und eine Stimme für die Profession Pflege in der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, um mehr politische Relevanz zu erhalten. Aber der Deutsche Pflegerat (DPR) ist doch bereits vertreten. Was fordern Sie konkret?

Wir wollen mehr Rechte haben. So sitzt der DPR im Qualitätsausschuss auf einem Platz der Bank der Leistungserbringer. Im gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) ist der DPR mit beratender Stimme im Unterausschuss Qualitätssicherung beteiligt. Wir wollen in beiden Gremien eine eigene Bank.

Die Corona-Krise verlangt vielen Pflegekräften und auch den Unternehmen in der Pflege viel ab, viele leisten derzeit Herausragendes. Kann die Pflege gestärkt aus dieser Krise herausgehen?

In der Not, aus Angst vor dem drohenden Chaos einer Pandemie ist es erleichternd zu wissen, dass jemand da ist und sich der Gefahr stellt. Dankbarkeit hat in Politik und Gesellschaft aber eine kurze Halbwertszeit. Ich hoffe aber sehr, dass die ‚Systemrelevanz‘ der Pflege nach der Krise notwendige Reformen beschleunigt. Wir haben da eine Chance und mit unserer Kampagne #PflegeNachCorona machen wir auch politischen Druck für Verbesserungen. (Foto: DBfK)

 

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